Startseite > In eigener Sache > Psychohygiene

Psychohygiene

„…Psychohygiene ist der Schutz und Erhalt der seelischen Gesundheit bei sich und anderen und beinhaltet das liebevolle Umsorgen, verständnisvolle Gespräche mit emotionaler Wärme und das Vermitteln von Nestwärme bei der Betreuung von Menschen in medizinischem oder pädagogischem Rahmen. Dazu zählt auch der Besuch von Angehörigen…“[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Hygiene%5D

Gestern.
Ganz plötzlich und völlig unerwartet verfrachtet mich ein kräftiges „Mööööööööööööööööörp!“ der Klingel zurück in die Realität. Und das an meinem „heiligen“ Sonntag zwischen 10 und 11. Seitdem ich das Sonntagmorgen-Frühjoggen aufgegeben habe, gehört es inzwischen zu meinem festen und liebgewonnenen Sonntagsritual, nach dem Aufwachen bewaffnet mit Kaffee und einem Buch keinesfalls vor 12 Uhr den Weg aus dem Bett zu finden. Wellness pur!
Wer wagt es also…?

Im Schlafanzug taper ich zur Tür. Als ich öffne, steht meine entrüstete nicht mehr ganz junge Nachbarin vor mir. Wenigstens trägt sie eine vom Prinzip her ähnliche Kleidung wie ich, nur dass diese in ihrem Fall in Katalogen als Hausanzug bezeichnet wird – vermutlich damit niemand behaupten kann, man verbrächte den ganzen Tag in seiner Schlafkleidung.

Schon streckt sie mir ein unsauberes Papiertaschentuch entgegen und brüllt mich an: „Sie haben am Wochenende nicht geputzt.“ Pure Situationskomik, die mich ein wenig perplex macht. Dann meldet sich auch schon meine innere Stimme und meint „Au Backe! Sie hat recht.“ Ich gebe mein „Fehlverhalten“ entschuldigend zu und verweise auf den Montag, an dem ich auch schon öfter meine Pflicht erfüllt habe, wenn ich es Samstags – aus welchen Gründen auch immer – nicht geschafft habe. Jetzt flippt sie total aus. Brüllt noch lauter und fällt mir ständig ins Wort. Dabei hatte ich sie seinerzeit, nachdem ich einige Monate dort wohnte auf das leidige Thema Treppenhausreinigung angesprochen, weil auf unserer Etage niemand putzte. Sie schien sichtlich froh darüber und wir hatten uns gütlich einigen können. Damals war der Wochentag noch egal, weil wir uns auf einen monatlichen Wechsel der Mietparteien geeinigt hatten, innerhalb dessen dann einfach nur wöchentlich der Flur gepflegt werden sollte. Ich sollte mir einen Wochentag aussuchen, an dem es auch von der Arbeit her für mich passte. Davon will sie jetzt nichts mehr wissen und plant die Hausverwaltung anzuschreiben. Ich sehe die gestresste für uns zuständige Dame bildlich vor mir und kann mir lebhaft vorstellen, wie sie die Augen „vor Freude“ verdreht.

Pillepalle! Immerhin werde ich nicht ausfallend und bin froh, als sich meine Nachbarin endlich umdreht und immer noch zeternd schnurstraks zurück in ihre Wohnung marschiert. Das Gebrüll, das nun mindestens durch zwei geschlossene Wohnungstüren zu hören ist, darf sich jetzt ihr Mann weiter anhören.

Meine Sonntagsharmonie ist empfindlich gestört. Ich rege mich darüber auf, dass ein Thema Konflikte schürt, das es genaugenommen nicht wert ist und frage mich, warum ich mich anbrüllen gelassen habe, statt das zu unterbinden und gegebenenfalls einfach meine Tür zu schließen. Schließlich rege ich mich darüber auf, dass ich mich über sowas aufrege, was immer ein gutes Zeichen dafür ist, dass mein Ärger kurz vor dem Ende ist.

Dann ist mein Kopf klar genug und bereit sich zu erinnern. An den regelmäßig erscheinenden Botendienst der Apotheke, an den einfach vor der Tür abgestellten Karton mit Inkontinzenzbinden, an erst kürzlich beendete Krankenhausaufenthalte, an den Hilfsdienst, an die Putzfrau meiner Nachbarn und an die seltsamen an den Haaren herbeigezogenen Wutanfälle meiner altersdementen ansonsten recht zahmen (ex)Schwiegermutter…

Advertisements
Kategorien:In eigener Sache Schlagwörter:
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: