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Ahnungen

Manchmal tut mir leid, daß ich dies Leben
Eines Steppenwolfes allzu spät begonnen.
Hätt ich jünger schon mich ihm ergeben,
Wär es eine Quelle vieler Wonnen.
Manchmal ahn ich hinter all dem Wust,
Hinter Hüllen, die noch fallen müssen,
Einer grenzenlosen Freiheit Lust,
Einer kühlen Zukunft fernes Grüßen:
Sehe lachend mich die Wand durchstoßen,
Die mich noch vom Sternenraume trennt,
Und hinübertreten zu den großen
Sündern, deren Tat kein Wort mehr trennt,
Und hinübertreten zu den großen
Sündern, deren Tat kein Wort mehr nennt,
Sehe mich vom Volk ans Kreuz geschlagen,
Dorngekrönt aus frommer Masse ragen,
Sehe Sonn und Sterne näher kommen,
Fühle mich ins Weltall hingenommen.

Aber diese kühlen Sternenräume,
Diese Schauder der Unendlichkeit
Sind ja leider nur geliebte Träume!
Niemals hab ich wahrhaft mich befreit,
Niemals hab ich dieser bangen Gassen
Bürgervolk im Ernst verlassen,
Habe nur genascht vom Göttertrank!
Darum lieg ich oft so tief im Staube,
Knie ratlos und von Leid zerrissen,
Sitze auf der Armesünderbank,
Höre angsterfüllt auch mein Gewissen,
Dessen Stimme ich doch nicht mehr glaube.

Hermann Hesse

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