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Posts Tagged ‘Erich Fried’

homo liber

25. Januar 2010 Hinterlasse einen Kommentar

Ich bin ein Buch
das sein wird
wenn ich nicht mehr ich bin
Ich bin ein Buch
das ich sein wird
wenn ich ein Buch bin

Ein Buch
das zerlesen ist
und noch nicht geschrieben
ein Buch
das verschrieben ist
dem noch nicht Gelesenen

Ich bin ein Buch
das sich aufschlägt
und das sich nachschlägt
ein Buch das sich überfliegt
und sich überschlägt
und sich zuschlägt

ein Buch das gebunden ist
aus dem Leim geht
und frei zerflattert
Die Fortsetzung fehlt ihm
aber es weiß
es wird enden

Erich Fried

 

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Besichtigung

30. Oktober 2009 Hinterlasse einen Kommentar

Man muss das Unglück
von allen Seiten betrachten

denn von rechts sieht es aus wie Recht
und von links wie Gelingen

und rückwärts wie Rücksicht
und vorne wie Vorteil und Fortschritt

und von oben und unten scheints
es hat Kopf und Fuß

Man muss das Unglück
von allen Seiten betrachten

wenn man dann Glück hat
merkt man es ist das Unglück

Erich Fried

Kategorien:Arbeit, Im Wortreich Schlagwörter: ,

Die Ablenkung

30. August 2009 Hinterlasse einen Kommentar

Ich will keine Angst vor dir haben
sondern ich will deiner Angst
Angst vor dir machen
bis sie bei mir vor dir Schutz sucht

Du bist nicht da
drum darf sie sich in meinem Zimmer
breitmachen und
darf essen an meinem Tisch

Ich habe genug zu essen
und wohne allein
ich kann es mir gestatten
gastfrei zu sein

Ich biete ihr mein Bett an
sie macht meine Lampe trübe
ihre dünnen Lippen bewegen sich im Halbschlaf

Solange sie da ist
kann sie nicht gehn und dich suchen
mein Finger berührt ihren Mund
sie sieht dir ähnlich

Ich wiege sie ein
ich liege bei deiner Angst
heut nacht kommt sie nicht zu dir
heut nacht kannst du schlafen

Erich Fried

 

 

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Zurückblickend

Die besseren Aussichten
eröffnen sich dadurch dass wir
die sonst keine haben
das offen zu sagen beginnen

Die Zukunft liegt nicht darin
dass man an sie glaubt
oder nicht an sie glaubt
sondern darin
dass man sie vorbereitet

Die Vorbereitungen
bestehen nicht darin dass man
nicht mehr zurückblickt
sondern darin
dass man sich zugibt

was man sieht beim Zurückblicken
und mit diesem Bild vor Augen
auch etwas anderes tut
als zurückblicken

Erich Fried

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Ich bin zu groß geworden

Ich bin zu groß geworden
für die kleine Liebe
ich bin zu klein geworden
für die große Liebe
und zu müde
um die Augen offen zu halten
und zu unruhig
für den Schlaf

Ich bin zu groß geworden
um die Augen offen zu halten
und zu müde
für die große Liebe
und zu unruhig
für die kleine Liebe
ich bin zu klein geworden
für den Schlaf

Ich bin zu groß geworden
ich bin zu klein geworden
für die große Liebe
für die kleine Liebe
und zu unruhig
und zu müde
um die Augen offen zu halten
für den Schlaf

Erich Fried

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Krank

28. Oktober 2008 Hinterlasse einen Kommentar

Wer gegen die Gesetze dieser Gesellschaft
nie verstoßen hat und nie verstößt
und nie verstoßen will
der ist krank

Und wer sich noch immer nicht krank fühlt
an dieser Zeit
in der wir leben müssen
der ist krank

Wer sich seiner Schamteile schämt
und sie nicht liebkost und die Scham
anderer die er liebt nicht liebkost ohne Scham
der ist krank

Wer sich abschrecken läßt
durch die die ihn krankhaft nennen
und die ihn krank machen wollen
der ist krank

Wer geachtet sein will
von denen die er verachtet
wenn er den Mut dazu aufbringt
der ist krank

Wer kein Mitleid hat
mit denen die er mißachten
und bekämpfen muss um gesund zu sein
der ist krank

Wer sein Mitleid dazu gebraucht
die Kranken nicht zu bekämpfen
die um ihn herum andere krank machen
der muss krank sein

Wer sich zum Papst der Moral
und zum Vorschriftenmacher
der Liebe macht
der ist so krank wie der Papst

Wer glaubt dass er Frieden haben kann
oder Freiheit
oder Liebe
oder Gerechtigkeit

ohne gegen seine eigene Krankheit
und die seiner Feinde und Freunde
und seiner Päpste und Ärzte zu kämpfen
der ist krank

Wer weiss dass er weil er gesund ist
ein besserer Mensch ist
als die kranken Menschen um ihn herum
der ist krank

Wer in unserer Welt
in der alles nach Rettung schreit
keinen einzigen Weg sieht zu retten
der ist krank

Erich Fried

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Fügungen

5. Oktober 2008 Hinterlasse einen Kommentar

Es heißt
ein Dichter
ist einer
der Worte
zusammenfügt

Das stimmt nicht

Ein Dichter
ist einer
den Worte
noch halbwegs
zusammenfügen

wenn er Glück hat

Wenn er Unglück hat
reißen die Worte
ihn auseinander

Erich Fried

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