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Posts Tagged ‘Hermann Hesse’

Kennst du das auch?

3. Dezember 2009 Hinterlasse einen Kommentar

Kennst du das auch, dass manchesmal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehn musst?

Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf
Wie einer, den ein plötzlich Herzweh traf;
Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,
Du weinst, weinst ohne Halt – Kennst du das auch?

Hermann Hesse

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Sprache

Die Sonne spricht zu uns mit Licht,
Mit Duft und Farbe spricht die Blume,
Mit Wolken,Schnee und Regen spricht
Die Luft. Es lebt im Heiligtume
Der Welt ein unstillbarer Drang,
Der Dinge Stummheit zu durchbrechen,
In Wort, Gebärde, Farbe, Klang
Des Seins Geheimnis auszusprechen.
Hier strömt der Künste lichter Quell,
Es ringt nach Wort, nach Offenbarung,
Nach Geist die Welt und kündet hell
Aus Menschenlippen ewige Erfahrung.
Nach Sprache sehnt sich alles Leben,
In Wort und Zahl, in Farbe, Linie, Ton
Beschwört sich unser dumpfes Streben
Und baut des Sinnes immer höhern Thron.

In einer Blume Rot und Blau,
In eines Dichters Worte wendet
Nach innen sich der Schöpfung Bau,
Der stets beginnt und niemals endet.
Und wo sich Wort und Ton gesellt,
Wo Lied erklingt, Kunst sich entfaltet,
Wird jedesmal der Sinn der Welt,
Des ganzen Daseins neu gestaltet,
Und jedes Lied und jedes Buch
Und jedes Bild ist ein Enthüllen,
Ein neuer, tausendster Versuch,
Des Lebens Einheit zu erfüllen.
In diese Einheit einzugehn
Lockt euch die Dichtung, die Musik,
Der Schöpfung Vielfalt zu verstehn
Genügt ein einziger Spiegelblick.
Was uns Verworrenes begegnet,
Wird klar und einfach im Gedicht:
Die Blume lacht, die Wolke regnet,
Die Welt hat Sinn, das Stumme spricht.

Hermann Hesse

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Manchmal

Manchmal scheint uns alles falsch und traurig,
Wenn wir schwach und müd in Schmerzen liegen,
Jede Regung will zur Trauer werden,
Jede Freude hat gebrochne Flügel,
Und wir lauschen sehnlich in die Weiten
Ob von dorther neue Freude käme.

Aber keine Freude kommt, kein Schicksal
Je von außen uns. Ins eigene Wesen
Müssen wir,vorsichtige Gärtner, lauschen,
Bis von dort mit Blumenangesichtern
Neue Freuden wachsen, neue Kräfte.

Hermann Hesse

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Ahnungen

Manchmal tut mir leid, daß ich dies Leben
Eines Steppenwolfes allzu spät begonnen.
Hätt ich jünger schon mich ihm ergeben,
Wär es eine Quelle vieler Wonnen.
Manchmal ahn ich hinter all dem Wust,
Hinter Hüllen, die noch fallen müssen,
Einer grenzenlosen Freiheit Lust,
Einer kühlen Zukunft fernes Grüßen:
Sehe lachend mich die Wand durchstoßen,
Die mich noch vom Sternenraume trennt,
Und hinübertreten zu den großen
Sündern, deren Tat kein Wort mehr trennt,
Und hinübertreten zu den großen
Sündern, deren Tat kein Wort mehr nennt,
Sehe mich vom Volk ans Kreuz geschlagen,
Dorngekrönt aus frommer Masse ragen,
Sehe Sonn und Sterne näher kommen,
Fühle mich ins Weltall hingenommen.

Aber diese kühlen Sternenräume,
Diese Schauder der Unendlichkeit
Sind ja leider nur geliebte Träume!
Niemals hab ich wahrhaft mich befreit,
Niemals hab ich dieser bangen Gassen
Bürgervolk im Ernst verlassen,
Habe nur genascht vom Göttertrank!
Darum lieg ich oft so tief im Staube,
Knie ratlos und von Leid zerrissen,
Sitze auf der Armesünderbank,
Höre angsterfüllt auch mein Gewissen,
Dessen Stimme ich doch nicht mehr glaube.

Hermann Hesse

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Kranker Künstler

Andre gibt es, die schlafen, essen, verdauen,
Lachen morgens und sind am Abend müd,
Machen Geschäfte und halten sich schmucke Frauen,
Wie in Milchglas spiegelt die Welt sich in ihrem Gemüt.

Mir will Essen, Verdauen und Schlafen nicht glücken,
Welk bin ich morgens und werde erst abends wach,
Weder Geschäft noch Familie ist mein Entzücken,
Auch den Frauen lauf ich nie lange nach.

Aber manchmal spiegelt in meiner Seele
Sich die Welt wie Wolken in stillster See,
Klein aber scharf und ohne Trübung noch Fehle,
Füllt mich, dehnt mich und tut mir vor Wonne weh.

Hermann Hesse

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Im Nebel

18. Februar 2009 Hinterlasse einen Kommentar

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Hermann Hesse

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An die Melancholie

15. Februar 2009 Hinterlasse einen Kommentar

Zum Wein, zu Freunden bin ich dir entflohn,
Da mir vor deinem dunklen Auge graute,
In Liebesarmen und beim Klang der Laute
Vergaß ich dich, dein ungetreuer Sohn.

Du aber gingest mir verschwiegen nach
Und warst im Wein, den ich verzweifelt zechte,
Warst in der Schwüle meiner Liebesnächte
Und warest noch im Hohn, den ich dir sprach.

Nun kühlst du die erschöpften Glieder mir
Und hast mein Haupt in deinen Schoß genommen,
Da ich von meinen Fahrten heimgekommen:
Denn all mein Irren war ein Weg zu dir.

Hermann Hesse

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