Seit dem 8. Januar führe ich ein ‘Stimmungstagebuch‘ in Form einer Tabelle, ähnlich der, wie ich sie im Buch “Manisch-depressiv für Dummies” gesehen habe. Dort trage ich für jeden Tag meine geschlafenen Stunden ein und bewerte meine jeweilige Stimmung innerhalb der Kategorien:
- Himmelhoch jauchzend
- Aufgedreht
- Energiegeladen
- In Ordnung
- Lausig
- Düster
- Zutode betrübt
“In Ordnung” stellt die absolute Mitte dar und bezeichnet einen Tag, der weder Fleisch noch Fisch ist. Undefinierbar, ob der Himmel noch blau oder doch schon grau ist. Einer der Tage, von dem nur ein flauer Nachgeschmack übrig bleibt und der vergessen ist, kaum dass er vorbei ist.
Wunderbar sind die Tage zwischen “In Ordnung” und “Energiegeladen”. Das ist eine Mitte, wie ich sie mag. Ich fühle mich lebendig und doch ausgeglichen. Die Dinge gehen mir leicht von der Hand. Das Leben fühlt sich gut an.
“Energiegeladen” geht einen Schritt weiter. Das Leben fühlt sich zwar gut an, aber da ist eine Kraft, die mich umhertreibt. Ich schaffe viel und bin gut gelaunt, doch gleichzeitig spüre ich eine leichte innere Unruhe, die mir nicht so recht Pausen gönnen will. Ein Problem ist das allerdings noch nicht, weil ich sie mir trotzdem nehmen kann, wenn ich will.
Anders sieht das aus, wenn meine Stimmung zwischen “Energiegeladen” und “Aufgedreht” ist. Ich bin unruhig, unkonzentriert und stehe unter Strom. Irgendwann ertappe ich mich dabei, wie ich mehr oder weniger sinnlos und leicht gestresst umherlaufe und mich schließlich frage, was ich da eigentlich gerade mache. Ich habe nicht den Eindruck etwas zu schaffen, sondern vielmehr den, dass ich mit meiner Energie nicht sinnvoll umzugehen weiss.
Von Hü nach Hott oder von Höcksken auf Stöcksken, wie man bei uns auch gern sagt, beschreibt den Zustand, wenn ich “Aufgedreht” bin. Ich fange spontan vieles an, aber nicht willentlich. Die Dinge, die scheinbar endlich erledigt werden wollen, begegnen mir während ich wiederum eine andere Sache machen wollte, die dann erstmal warten muss. Am Ende stehe ich vor mehreren angefangenen Baustellen. Das merke ich aber erstmal nicht, weil ich vor Ideen förmlich übersprudele und bemüht bin alles umzusetzen, was mir in den Sinn kommt. Für Pausen habe ich bei diesem enormen Energieüberschuss keine Zeit, sondern nutze diese bestenfalls noch für etwas Sport oder überhaupt jede Art von Aktivität, die sich mir bietet. In diesem Zustand könnte ich die ganze Welt umarmen und würde es auch tun, wenn ich die Gelegenheit dazu hätte.
“Himmelhoch jauchzend” soll den Höhepunkt des manischen Zustands darstellen und zumindest für mich war er alles andere als das. In diesem Zustand habe ich mich selbst beobachten können und seltsame paranoide Theorien weiterentwickelt. Die Wirklichkeit ist verzerrt. Die Spontanität treibt seltsame Blüten. Ohne Rücksicht auf Verluste setze ich um, was mir in den Sinn kommt. Es gibt nur noch schwarz oder weiß, bis alles nur noch schwarz ist. Die Gedanken kreisen und überschlagen sich, bis sie sich zum Ziel der Selbstzerstörung vereinen und festsetzen.
Fast ein Geschenk ist dagegen der Zustand zwischen “In Ordnung” und “lausig”. Alles könnte ein wenig besser sein, als es derzeit ist, meint das an mir nagende Selbstmitleid. Das Leben ist ein wenig grau, aber ansonsten geht’s mir gut.
“Lausig” fühle ich mich, wenn das ganze ein wenig weiter geht und eine leichte Müdigkeit hinzukommt. Ich habe keine Lust zu irgendwas, aber wenn es unbedingt sein muss, dann bin ich eben dabei und bin genauso froh, wenn’s dann vorbei ist und ich mich endlich wieder ausruhen kann. Die Welt um mich herum beginnt gelegentlich bedrohlich zu wirken.
Zwischen “Lausig” und “Düster” zu sein, kostet Kraft. Das ist der Zustand, in dem mir mein inneres Lächeln abhanden kommt. Als wenn mir etwas die Energie aus dem Körper und die Farbe aus dem Leben gesaugt hätte. Ich bin nicht einfach nur kraftlos, sondern fühle mich regelrecht ausgelaugt. Übrig ist eine labberige Hülle, die auch kaum noch sprechen mag und kann. Die Gedanken sind so frei, dass sie weg sind und der Kopf schmerzlich leer ist. Meine Umwelt wirkt bedrohlich.
“Düster” geht noch einen Schritt weiter. Ich bin in dem kraftlosen Zustand gefangen und für mich gibt es auch keine Hoffnung mehr. Rückblickend ist alles nur negativ gewesen und positive Zukunftsperspektiven gibt es scheinbar nicht. Die Überzeugung, dass die Welt ohne mich besser zurecht kommt, wird stärker und ist so ziemlich der einzige Gedanke, auf den sich vor lauter Kraftlosigkeit noch alles konzentrieren kann. Die Welt ist gegen mich.
“Zutode betrübt” hat sich der Gedanke an Befreiung von dem kraft- und wertlosen Leben festgesetzt und will um jeden Preis umgesetzt werden. Ein Zustand, der bei mir wohl nahtlos in “Himmelhoch jauchzend” endete.
Im Falle eines Falles werde ich wohl kaum in der Lage sein, einen Eintrag bei “Himmelhoch jauchzend” oder “zutode betrübt” vorzunehmen. Aber das ist ja auch nicht Sinn und Zweck des ganzen, sondern eher zu erkennen und rechtzeitig etwas unternehmen zu können.
Weil es mir so vorkam als hätte ich in letzer Zeit viel häufiger als früher Kopfschmerzen, habe ich das außerdem in der Tabelle eingetragen und weiß nun, dass dem nicht so ist.
Bei einem Tag hatte ich Probleme die Bewertung vorzunehmen. Ich habe mich irgendwann mal wieder dabei ertappt, wie es mich in bester Laune aber ohne Sinn und Verstand umhertrieb und fiel noch am gleichen Tag in einen Zustand, der kurz vor “Düster” endete und mich ausgebrannt zurück liess. Glücklicherweise lässt sich das ganze aber in Zusammenhang mit den Kopfschmerzen sehen, die ich an diesem Tag hatte.
Nachdem ich dieses Stimmungstagebuch nun seit fast einem Monat führe, merke ich, wie wertvoll es eigentlich ist. Die gemachten Einträge habe ich verbunden und sehe auf einen Blick, dass ich im guten mittleren Bereich unterwegs bin. Kleine Holprigkeiten habe ich sofort ausgleichen können. Das gibt ein wenig Sicherheit und zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
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